Praxis Dr. LindnerBeide Beiträge aus: "HIPP Pädiater-Service
6/02"
Neue Erkenntnisse für Sie gelesen und kommentiert
von J. Spranger, Univ. Kinderklinik Mainz
Stillen schützt
nicht vor Atopie und Asthma
Die Datenlage zur Prävention von Allergien durch Brustmilchernährung
ist kontrovers. Studien, welche die Häufigkeit allergischer
Manifestationen wie Ekzem oder pfeifende Atmung bei Kleinkindern
prüften, fanden überwiegend eineAllergie-protektive
Wirkung der Muttermilch. Andere bestreiten die protektive Wirkung.
Fast alle Studien haben handwerkliche Fehler. Jetzt kommt eine
überaus sorgfältig geplante prospektive Untersuchung
von 1139 Säuglingen zum Ergebnis, dass Brustmilchernährung
die Entwicklung allergischer Manifestationen nicht verhindert,
sondern insgesamt fördert. Die Studie ist populationsbezogen,
prospektiv, blind. Etwa die Hälfte der Kinder wurde gestillt,
die anderen erhielten übliche Milchnahrungen auf Kuhmilchbasis.
Probanden und Eltern wurden bis zum 3. Lebensjahr wöchentlich,
dann seltener zu Hause besucht und ab dem 3. Lebensjahr in zweijährlichen,
ab dem 15. Lebensjahr in dreijährlichen Abständen bis
zum Probandenalter von 26 Jahren strukturiert befragt. An allen
Kontrollterminen zwischen dem 9. und 26. Lebensjahr wurden zur
Objektivierung der Diagnose Asthma/obstruktiveAtmung/ bronchiale
Hyperreagibilität die Probanden spirometrisch und mit Metacholintests
(Salbutamol bei Probanden mit Obstruktion) untersucht. Im Alter
von 13 Jahren wurden bei allen Probanden PrickTests durchgeführt.
Bis zum 21. Lebensjahr hatten gestillte Kinder signifikant mehr
allergische Manifestationen als kuhmilchernährte. Die statistische
Multivarianzanalyse unter Berücksichtigung aller bekannter
Störfaktoren zeigte ab dem 9. Lebensjahr bei gestillten Kindern
eine hochsignifikante Häufung von Asthma (Risikofaktor OR
1.83 [1,35-2,47]), und ab dem 13. Lebensjahr signifikant mehr
positive Hauttests gegen Hausstaub und andere Allergene.
Kommentar: Es gibt viele gute Gründe für das
Stillen. Die Allergieprävention gehört offenbar nicht
dazu. Das Ergebnis der referierten Studie steht in Übereinklang
mit der Hygienetheorie. Danach resultiert die Häufung allergischer
Manifestationen in industrialisierten Ländern aus der verzögerten
Reifung des Immunsystems infolge einer verminderten frühen
Allergen-Exposition, insbesondere gegenüber Endotoxinen.
Damit zusammenhängend erhebt sich die Frage, ob die Vermeidung
von Allergenen mit unseren, hypoallergenen Nahrungen` der Weisheit
letzter Schluss ist. Es wird eine ebenso sorgfältige Studie
wie die referierte, über mindestens neun Jahre, brauchen,
bis ich davon überzeugt bin (Kommentar von J. Spranger).
Untersuchung: Sears MR, Greene JM, Willan AR
et al. (2002) Long-term relation between breastfeeding and development
of atopy and asthma in children
Frühe Endotoxin-Exposition verhütet
Asthma
Mit verbesserter Hygiene steigt die Asthma-Häufigkeit.
Landkinder haben weniger Asthma als Stadtkinder. Um zu prüfen,
ob der statistischen Korrelation ein kausaler Zusammenhang zugrundeliegt,
wurde der Endotoxingehalt im Matratzenstaub von 812 Kindern mit
und ohne Asthma verglichen. Das aus gramnegativen Bakterien stammende
Endotoxin gibt einen Hinweis auf den Keimgehalt der Matratze.
493 Stadtkinder hatten deutlich weniger Endotoxin im Matratzenstaub
(22,8E Endotoxin/mg) als 319 Landkinder (37,8E/mg). Umgekehrt
hatten die Stadtkinder doppelt so häufig Asthma, Heufieber
und andere allergische Manifestationen. Zur Prüfung der kindlichen
Immunreaktion wurde die Zytokin-Produktion peripherer Leukozyten
nach Stimulation mit Lipopolysacchariden und Staphylokokken-Enterotoxin
B bestimmt. Die Produktion von Tumornekrosefaktor a, Interferon-Y,
Interleukin-10 und Interleukin-12 verminderte sich mit steigender
Endotoxin-Exposition. Dieses Ergebnis wies auf eine Dämpfung
(down regulation) der Immunantwort in Abhängigkeitvon der
Exposition gegenüber Endotoxinen.
Kommentar: Genetische Faktoren bestimmen, wer an Asthma
und anderen allergischen Krankheiten erkrankt. Da sich unsere
Gene nicht rasch verändern, müssen Umweltfaktoren die
Häufung von Allergien in den letzten Jahrzehnten bedingen.
Machte man ursprünglich Rauchen, Luftverschmutzung und andere
Belastungen dafür verantwortlich, setzt sich jetzt die Überzeugung
durch, dass es eher die Sauberkeit als die Verdreckung ist, die
zu Allergien führt. Die referierte Untersuchung beweist die
Hygiene-Theorie nicht, aber sie liefert weitere Glieder in der
Kausalkette zwischen Sauberkeit und Allergie.
Aus dem "Tagesspiegel"
vom 12.5.2000 - Volkskrankheit Allergie
Ein Hoch auf den Dreck von Hartmut Wewetzer
Nun laufen sie wieder. Seit Eröffnung der Pollensaison
sind die Nasen der Heuschnupfengeplagten dem Dauerstreß
ausgesetzt. Sie niesen, triefen oder sind verstopft. Noch schlimmer
dran sind Asthmatiker, denen die Allergie gegen Gräser oder
Baumpollen in diesen Tagen die Luft zum Atmen nimmt. Wie überall
auf der Welt nehmen auch in Deutschland die allergischen Erkrankungen
nicht nur der Heuschnupfen immer mehr zu. Jeder vierte Bundesbürger
ist Allergiker. Sein Immunsystem schlägt falschen Alarm und
richtet sich gegen so harmlose Dinge wie Birkenpollen, Katzenhaare
oder Milbenkot. Atemwegsexperten sehen in Allergien eines
der größten Gesundheitsprobleme des 21. Jahrhunderts".
Wie erklärt sich die rätselhafte Epidemie? Die Antwort
kommt meist wie aus der Pistole geschossen. Die Umweltverschmutzung
ist schuld! Aber so unstrittig es auch ist, daß Abgase und
andere Schadstoffe Atemwegserkrankungen verschlimmern können
(vom Rauchen ganz abgesehen) die Vorstellung, daß Luftverschmutzung
die wichtigste Ursache der Allergiezunahme ist, muß aus
mehreren Gründen revidiert werden.
Zum einen werden Allergien durch Stoffe ausgelöst, die ganz
unabhängig von Schadstoffen in unserer Umwelt vorkommen.
Da bedarf es schon einiger geistiger Klimmzüge, um eine BirkenpollenAllergie
mit dem Straßenverkehr in Verbindung zu bringen. Zum anderen
tragen Katalysator, Luftfilter und moderne Heizungsanlagen wesentlich
dazu bei, unsere Luft wieder sauberer zu machen. Was auf den scheinbaren
Widerspruch zwischen besserer Luftqualität` und mehr
Allergien" hinausläuft.
Den stärksten Hinweis auf eine paradoxe Beziehung zwischen
Schmutz und Allergie liefert eine vor zwei Jahren veröffentlichte
Studie der Kinderärztin Erika von Mutius. Die Wissenschaftlerin
untersuchte, wie häufig Asthma und allergische Erkrankungen
bei Leipziger und Münchner Schulkindern waren und stellte
fest, daß die Münchner fast viermal so viel Heuschnupfen
hatten wie die Leipziger Kinder; die Leipziger dagegen dreimal
so häufig Bronchitis.
Die Botschaft ist klar. Die von Zweitaktergestank und BraunkohleAbgasen
geschwängerte Leipziger Luft begünstigte zwar, wie zu
erwarten, Atemwegsinfektionen, aber beileibe nicht das Entstehen
von Allergien. In dieses Bild paßt, daß Länder
wie Albanien und Rumänien nicht gerade ökologische Musterknaben
bei der Häufigkeit von Asthma oder allergischem Ekzem zu
den europäischen Schlußlichtern gehören. Jedenfalls
mit diesen Zivilisationsleiden" haben sie bislang wenig
Probleme.
Es gibt noch weitere Hinweise darauf, daß ein bißchen
Schmuddel Kindern nicht schadet und womöglich sogar eine
spätere AllergikerKarriere verbaut. Und in die gleiche Richtung
weist, daß das Immunsystem der weniger allergischen"
ostdeutschen Kinder in Krippen und Kindergärten frühzeitig
mit Infektionserregern konfrontiert wurde. Ein wenig Krankheit
kann ganz nützlich sein", sagen die Kinderärzte.
Dagegen scheint das westdeutsche, isoliert aufwachsende und vor
Schadstoffen und Schmutz penibel bewahrte Einzelkind geradezu
der ideale Allergie Kandidat zu sein: Sein Immunsystem ist in
der sterilen Umgebung gleichsam arbeitslos geworden und sucht
sich nun einen harmlosen Pappkameraden als Gegner Pollen, Milben,
Tierhaare.
Es ist also unser westlicher" Lebensstil, der Allergien
zu begünstigen scheint. Sie sind eine Bürde der Industriegesellschaft,
auch wenn die individuelle Veranlagung den Ausbruch noch einmal
fördert: Sind beide Eltern Allergiker, ist auch das Kind
in bis zu 70 Prozent der Fälle betroffen. Aber Allergie und
Asthma müssen kein Schicksal sein.
Man kann zumindest versuchen, das Risiko zu senken, und dafür
sind gerade die ersten Lebensmonate besonders wichtig. In dieser
Zeit ist das Immunsystem noch nicht ausgereift und kann vor Irrwegen
bewahrt werden. Kinder sollten mindestens in den ersten sechs
Monaten gestillt und vor übertriebener Hygiene bewahrt werden.
Auch Tabakrauch kann Allergien begünstigen, und mindestens
in den ersten zehn Lebensjahren sollten anfällige Kinder
kein Haustier bekommen.
Nicht immer ist es möglich, der Allergie aus dem Weg zu gehen
schließlich werden wegen Heuschnupfen keine Bäume gefällt.
Aber es gibt mittlerweile wirksame Behandlungen und Therapieansätze.
So sollen bestimmte Testsubstanzen genau jene körpereigenen
Immunmoleküle blockieren, die den blinden Alarm im Immunsystem
auslösen.
Offenbar reagiert unser Körper ganz ähnlich wie unsere
Psyche: Wer sich aus Angst abkapselt, begibt sich erst recht in
Gefahr. Spiel ruhig mit den Schmuddelkindern.
Erkrankt ein Baby in seinem ersten Lebensjahr an fiebrigen
Infekten, so sinkt die Gefahr, im Alter von sechs bis sieben Jahren
eine Allergie zu bekommen. Das zeigten Studienergebnisse des USInstituts
für Allergien und Infektionskranheiten (Journal of Allergy
and Clinical Immunology, Bd. 113, S. 291). Der Schutzeffekt der
Kinderkrankheiten steigt sogar parallel zur Anzahl der Fieberkurven:
Babys, die mehr als zweimal krank waren, hatten nur ein Allergierisiko
von 30 Prozent im Gegensatz zu 50 Prozent der gesunden
Kleinkinder. Das Ergebnis stützt die Vermutung, nach der
sich Allergien dann entwickeln, wenn das Immunsystem in jungen
Jahren unterfordert bleibt.
Muttermilch schützt wohl doch nicht vor Allergien, die Erbanlagen spielen die Hauptrolle bei der Entwicklung von Asthma und Neurodermitis.
Häufige Infekte bereits in ganz jungem Alter scheinen jedoch einen guten Schutz gegenüber der Entwicklung von Allergien zu erzeugen.
Also: laßt Eure Kinder mit anderen ansteckenden Kindern spielen und vor allem im Dreck wühlen!
|
|