Praxis Dr. Lindner"Der Tagesspiegel" am 09.03.2003
Was fehlt ihm?
Babys schreien, und Eltern werden nervös. Wie kann man beiden
helfen? von Adelheid Müller-Lissner
Was heißt hier stillen? Das Baby hat getrunken. Es ist frisch gewickelt, es wird sanft im Arm gewiegt. Doch schon beginnt es wieder, nichts und niemand kann den Säugling beruhigen: Er schreit. Seit Wochen geht das so, mehrere Stunden am Tag. Heißt es nicht, Neugeborene brauchten viel Schlaf? Dieses Kind scheint anders zu sein. Was fehlt ihm? Die Eltern tappen im Dunkeln. Immer klarer wird ihnen dafür, was ihnen selbst fehlt: Ruhe, Schlaf, Entspannung und nicht zuletzt das gute Einvernehmen mit den Nachbarn.
Babys können nicht anders. Dass sie schreiend ihre biologischen und emotionalen Bedürfnisse zum Ausdruck bringen, ist normal. Jedes siebte Kind allerdings schreit nach Schätzung von Fachleuten übermäßig viel. Als Maß für das Übermaß wurde eine eingängige Dreier-Regel aufgestellt: Schreibabys schreien demnach mehr als drei Stunden am Tag an drei Tagen in der Woche über einen Zeitraum von mindestens drei Wochen.
Keine Frage der Verdauung
Genervte Eltern werden kaum mit der Stoppuhr das Brüllen kontrollieren. Für Mauri Fries, Vorsitzende der Gesellschaft für seelische Gesundheit in der frühen Kindheit, in der sich vor allem Ärzte und Psychologen zusammengeschlossen haben, ist denn auch das Gefühl von Ohnmacht und Erschöpfung ausschlaggebend. Die Berliner Psychologin Jule Draeger, die im Diagnose- und Behandlungszentrum für Kinder und Jugendliche in Charlottenburg eine Schreibaby-Sprechstunde abhält, findet es entscheidend, wie die erwachsenen Bezugspersonen mit der Situation fertig werden. Wenn Eltern sich überfordert fühlen oder unter dem Verlust der innigen Bindung zu ihrem Kind leiden, dann sollte das Anlass sein, Hilfe zu suchen.
Die Eltern, die mit ihren Babys kommen, haben meist schon viel versucht: Verdauungsprobleme des unreifen Organismus sind eine beliebte Erklärung für das unstillbare Geschrei. Beruhigungstees mit Fenchel und Kümmel fürs Baby, strenger Verzicht auf Knoblauch und Kohl seitens der stillenden Mutter, Bäuchlein-Einreiben, Medikamente und homöopathische Kügelchen werden deshalb gegen kindliche Blähungen und Darmkoliken ins Gefecht geführt. Dass sie einen nennenswerten Anteil an der Schrei-Problematik haben, wurde allerdings nie streng wissenschaftlich bewiesen.
Auch Erklärungsversuche, die einseitig bei den Eltern ansetzen, hielten bisher der Überprüfung nicht stand. Ob die Eltern viel oder wenig verdienen, jünger oder älter sind, ob sie allein oder zu zweit erziehen, ob das Kind die Brust oder die Flasche bekommt, ob es das erste oder das dritte ist: Keiner dieser Faktoren kann Studien zufolge allein als Ursache für das übermäßige Schreien herhalten.
Es fehlt die Lesebrille
Die Forschung zur frühen Kindheit steckt selbst noch in den Kinderschuhen. Eine der Pionierinnen, die Münchner Psychiatrieprofessorin Mechthild Papousek, hat versucht, die dynamischen Wechselbeziehungen zwischen kindlichem Dauergeschrei und elterlichem Verhalten in einem komplexen Modell zu beschreiben. Vereinfacht ergibt sich daraus folgendes Bild: Wenn ein Neugeborenes mit besonders unreifem Zentralnervensystem und ein leicht erschöpfbarer Erwachsener Tag und Nacht zusammen leben, kann das leicht zum Teufelskreis einer negativen Gegenseitigkeit führen. Schreibabys haben meist noch Schwierigkeiten, lesbare Signale auszusenden, die Eltern ihrerseits haben oft nicht die richtige Lesebrille' dafür, erklärt Mauri Fries. Eine Gefahr für die kindliche Entwicklung kann daraus werden, wenn der Winzling einerseits Chancen zum Lernen und zum friedlichen Kommunizieren verpasst, andererseits Zuwendung seiner wichtigsten Bezugspersonen einbüßt.
Dabei verfügen die über wertvolles Startkapital für die neue Aufgabe. Intuitive elterliche Kompetenz nennt es Mechthild Papousek: Ohne groß darüber nachzudenken, sind Erwachsene und ältere Kinder in der Lage, ihre Stimme zu verändern, Laute des Babys nachzuahmen, ihm ihr Gesicht zu zeigen und durch all dies in innigen Kontakt zu ihm zu treten. Die Expertin für frühkindliche Regulationsstörungen hat aber auch festgestellt, dass diese Fundamente erschütterbar sind.
Bei uns geht es nie darum, wer an einer bestimmten Auffälligkeit schuld' ist, betonen die Ärzte und Familientherapeuten Andreas Wiefel und Gabriele Oepen, die an der Charité eine Sprechstunde für Babys und Kleinkinder mit Schrei-, Fütter- und Schlafstörungen anbieten. Stattdessen suchen sie nach Kraftquellen, die in der Beziehung zwischen Eltern und Kind schlummern. Die wollen wir nutzen, um die Verhaltensregulation des Babys zu verbessern.
Ein Mittel, das genaueres Hinsehen ermöglicht, sind Videoaufzeichnungen von Alltagssituationen. Die Psychologin Bärbel Derksen setzt es im Haus der Familie in Steglitz ein, um Eltern für die Signale des Kindes empfänglicher zu machen. Dabei kann sich auch zeigen, dass die Eltern sich zu viel Mühe geben. Dass sie immer neue Anregungen geben, wenn das Kleine sein Köpfchen schon weggedreht hat. Das Signal ist dezent aber eindeutig: Macht eine Pause, ich kann nicht mehr!
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