Praxis Dr. LindnerWürden Sie dieses Arzneimittel einnehmen?
Lieber Patient!
In jüngster Zeit ist Ihnen sicher aufgefallen,
daß die Beipackzettel verschiedener Medikamente geradezu
gespickt sind mit beängstigenden Nebenwirkungen und Fachausdrücken
und drohenden Schäden, wenn man diese oder jene Tablette
schluckt.
Viele Untersuchungen haben gezeigt, daß manche Patienten
alleine schon deshalb ihre Medikamente gar nicht erst
einnehmen und sich unwissend lieber den vielleicht tödlichen
Wirkungen einer Krankheit (z.B. Bluthochdruck) unterwerfen.
Als Ihr Hausarzt fühle ich mich immer mehr dazu verpflichtet,
diesen einseitigen Meldungen und Vorstellungen
entgegenzutreten und die Dinge einmal ins rechte Licht zu rücken.
Dazu müssen Sie wissen, daß die Juristen einen Pharmahersteller
zwingen, alle irgendwo veröffentlichten Nebenwirkungen
eines Medikaments in diesen Beipackzettel aufzunehmen. Dies führt
in der Regel zu einer völligen Fehleinschätzung der
wirklichen Gefahr.
Nun stellen Sie sich doch bitte einmal vor, ich würde Ihnen
eine Pille verschreiben, bei der unter Nebenwirkungen
folgendes zu lesen stünde:
" An Nebenwirkungen sind bekannt geworden: Zahnverfall von
frühester Kindheit an, Bauchschmerzen, Übelkeit,
Verstopfung, Kopfschmerzen. Bei längerer Einnahme sind Fälle
von Übergewicht, Bluthochdruck und Zuckerkrankheit
erwiesen. In diesem Zusammenhang kann die Einnahme zu Bewußtlosigkeit,
Schlaganfall, Herzinfarkt, Nierenversagen,
Erblindung, hohem Fieber und zur Amputation der Gliedmaßen
führen; Todesfälle sind erwiesen! "
Würde ich Ihnen eine solche Pille verschreiben, würden
Sie beim Lesen des Beipackzettels wahrscheinlich vor Entsetzen
Ihren Arzt wechseln.
Wenn ich Ihnen aber nun sage, was der Inhaltsstoff dieser fiktiven
Pille ist, dann wird Ihnen wahrscheinlich schlagartig
klar, wie sehr die Verschiebung der Relationen und das Aussprechen
der "nackten Wahrheit" zu totaler Verunsicherung
führen kann. Es handelt sich nämlich schlicht um Schokolade.
Sie können ähnliches aber auch mit Nudeln anstellen
oder mit irgend einem anderen Nahrungsmittel, welches - in größeren
Mengen genossen - natürlich zu Übergewicht und natürlich
zu Bluthochdruck und Zuckerkrankheit mit allen genannten
Folgen führen kann.
Wie sehr wir im übrigen mit tödlichen Nebenwirkungen
in unserem täglichen Dasein wie selbstverständlich leben,
mögen Sie
sich einmal an der Tatsache des Automobils (jährlich über
100.000 Tote), Rauchens und Alkoholismus (ähnliche
Todesraten) selbst einmal in der Phantasie ausmalen.
Schokolade hat dabei nicht einmal eine medikamentöse Wirkung.
Das gleiche gilt für Nudeln, für Zigaretten, für
Alkohol oder
den allgemeinen Straßenverkehr. Diese Dinge sind auch überall
für jedermann zugänglich. Jeder kann sich diesen Gefahren
täglich - ohne irgend jemanden zu fragen - aussetzen.
Ganz im Gegenteil dazu Medikamente. Sie dürfen nur von fachkundigen
Ärzten verschrieben und von fachkundigen
Apothekern abgegeben werden. Sie dienen - im Gegenteil von z.B.
Schokolade - in aller Regel der Lebensverlängerung
und der Beseitigung von schwersten Erkrankungen, die ihrerseits
das Leben - wenn auch oft nur kurzzeitig - mindestens
unwert oder schmerzhaft machen. Medikamente haben auch millionenfach
mehr Menschenleben gerettet als Zigaretten,
Alkohol oder Zuckerwaren.
Hier stimmt doch was nicht in der Relation! Hier ist doch wohl
eine emotionale, einseitige Betrachtungsweise üblich
geworden, die nicht mehr mit der Wirklichkeit übereinstimmt.
Selbstverständlich haben auch Medikamente - richtig angewandt
- hin und wieder einmal Nebenwirkungen. Diese werden
jedoch in der Regel vom Patienten oder dem Arzt rechtzeitig bemerkt,
führen zum Absetzen des Medikamentes und
klingen dann folgenlos ab.
Zum Schluß möchte ich die nachdenkenswerte Behauptung
aufstellen, daß z.B. der freiverkäufliche, selbst Kindern
zugängliche Alkohol oder die Zigaretten oder die Schokolade
letztlich der Menschheit mehr Schaden zugefügt haben, als
alle Medikamente zusammengenommen es je tun werden.
Ist es nicht grotesk, wie sehr Nebenwirkungen von Genußmitteln
als selbstverständlich hingenommen werden, während auf
der anderen Seite lebensverlängernde und hilfreiche Medikamente
nur auf ihre Nebenwirkungen hin an den Pranger
gestellt werden?
Ihr Arzt
Die Patienteninformation zum Thema Arzneimittel-Nebenwirkungen
stammt von Dr. Claus-Dieter Zink und wurde in Medical Tribune
Nr. 8 am 25. April 1991 vorgestellt
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