Praxis Dr. LindnerMein Kind ist ständig erkältet
von Dr. Peter j. Fischer ,Schwäbisch
Gmünd, aus 3/03 Pädiatrische Allergologie 37
Liebe Eltern,
manche Säuglinge und Kleinkinder scheinen ständig erkältet
zu sein. Sie fragen sich, ob dies normal ist oder ob eine ernste
Störung dahinter stecken könnte.
Der Nestschutz" und die eigene Körperabwehr
Das Neugeborene hat von der Mutter über die Nabelschnur den
so genannten Nestschutz" mitbekommen. Dies sind Abwehrstoffe
gegen verschiedene Infektionserreger, die das Kind für eine
gewisse Zeit vor einigen - wenn auch nicht allen - Infektionen
schützen. Zusätzlich unterstützt das Stillen die
Abwehr insbesondere gegen Magen-Darm-Infekte . Der ..Nestschutz"
nimmt in den ersten Lebensmonaten langsam ab und ist nach etwa
einem halben Jahr nicht mehr wirksam. Säuglinge bekommen
zu diesem Zeitpunkt üblicherweise die ersten Luftwegsinfekte
mit Husten und Schnupfen. Das Abwehrsystem des Kindes muss sich
nun ganz aus eigener Kraft mit Infektionserregern auseinandersetzen
und eigene Antikörper bilden.
Wie viele Infekte sind normal?
Säuglinge und Kleinkinder haben im Durchschnitt sieben bis
acht, Schulkinder fünf bis sechs, Jugendliche vier Erkältungen
pro Jahr. Aber: mehr als zehn Prozent der Kinder sind öfter
als zwölfmal im Jahr erkältet! Zusätzlich können
noch zwei bis drei Magen-Darm-Infekte pro Jahr hinzukommen - manche
Kinder reagieren bei praktisch jedem Luftwegsinfekt gleichzeitig
mit Durchfall. Es gibt mindestens zweihundert verschiedene Erkältungsviren!
Besteht früh Kontakt mit kleinen Kindern (Geschwister, Tagesheim)
werden die ersten Infekte frühzeitig durchgemacht. Im Winterhalbjahr
und beim Eintritt in den Kindergarten kommt es zu einem Anstieg
der Infektzahl. Diese Infektionen können zwar sehr lästig
sein, sie sind aber ein unbedingt notwendiges Training für
das Immunsystem. Nach jedem überstandenen Infekt ist die
Immunabwehr ein Stück widerstandsfähiger. Früh
durchgemachte Infekte wirken sich längerfristig sogar günstig
auf die Infektabwehr aus und können vor Allergien schützen.
Wann können weitere Untersuchungen erforderlich werden?
In folgenden Situationen wird Ihr Kinder- und Jugendarzt möglicherweise
weitere Untersuchungen veranlassen:
- Vergrößerte Rachenmandeln: Stark vergrößerte
Rachenmandeln (Adenoide, Polypen) können insbesondere bei
Kleinkindern eine hartnäckig verstopfte Nase mit Atmung durch
den Mund, vermehrter Infekthäufigkeit und Mittelohrentzündungen
verursachen.
-Andere lokale Probleme: Tritt eine Infektion immer an derselben
Stelle auf, muss z. B. bei Lungenentzündungen an eine Fehlbildung
oder einen Fremdkörper in den Bronchien gedacht werden.
-Allergien und Asthma: Ist Ihr Kind älter als zwei oder drei
Jahre und hat einen wochenlang andauernden Schnupfen ohne Fieber
oder hartnäckige Paukenergüsse, kann je nach Jahreszeit
eine Allergie z. B. auf Pollen oder Hausstaubmilben vorliegen.
Auch wiederholte obstruktive Bronchitiden oder hartnäckiger
Husten können allergisch bedingt sein bzw. auf ein Asthma
bronchiale hinweisen.
- Krankhafte Immunschwäche: Häufige Virusinfekte sind
für sich alleine kein Hinweis für eine krankhafte Abwehrschwäche.
Falls in der Familie Abwehrschwächen bekannt sind, bakterielle
Lungen-, Nasennebenhöhlen-,Lymphdrüsen- oder Hautentzündungen
oder Abszesse übermäßig häufig auftreten
oder hartnäckige Pilzinfektionen bestehen, zusätzlich
eine Gedeihstörung vorliegt oder die Erholung nach einer
Infektion immer sehr lange dauert, können weitere Untersuchungen
erforderlich sein.
Kann die Infektabwehr verbessert werden?
Ernähren Sie Ihr Kind ausgewogen und vitaminreich, sorgen
Sie für ausreichend Schlaf und viel Bewegung in frischer
Luft. Ältere Kinder können im Wechsel kalt und warm
duschen oder die Sauna besuchen. Machen Sie Ihre Wohnung zu einer
tabakrauchfreien Zone! Die zusätzliche Gabe von Vitaminen
hat bei ausgewogen ernährten Kindern keinen Effekt. Die sog.
Immunstimulanzien (Medikamente, welche die Abwehrkräfte steigern
sollen) konnten bisher keine überzeugende Wirkung gegenüber
Virusinfekten im Kindesalter nachweisen. Die empfohlenen Schutzimpfungen
schützen vor zum Teil lebensbedrohlichen Infektionen.
Prognose: günstig!
Bei den allermeisten Kindern besteht trotz häufiger Erkältungen
keine krankhafte Abwehrschwäche. Die durchgemachten Infekte
sind ein wichtiges Training für das Immunsystem- und die
beste Zeit, diese Infektionen durchzumachen, ist die Kindheit.
"Die Zeit" Februar 2004
Fieber
feit vor Allergie
Erkrankt ein Baby in seinem ersten Lebensjahr an fiebrigen
Infekten, so sinkt die Gefahr, im Alter von sechs bis sieben Jahren
eine Allergie zu bekommen. Das zeigten Studienergebnisse des USInstituts
für Allergien und Infektionskranheiten (Journal of Allergy
and Clinical Immunology, Bd. 113, S. 291). Der Schutzeffekt der
Kinderkrankheiten steigt sogar parallel zur Anzahl der Fieberkurven:
Babys, die mehr als zweimal krank waren, hatten nur ein Allergierisiko
von 30 Prozent im Gegensatz zu 50 Prozent der gesunden
Kleinkinder. Das Ergebnis stützt die Vermutung, nach der
sich Allergien dann entwickeln, wenn das Immunsystem in jungen
Jahren unterfordert bleibt.
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