Praxis Dr. LindnerVon schräg unten:
Doctors hopping Deutsches Ärzteblatt
103, Ausgabe 47 vom 24.11.2006 - SCHLUSSPUNKT
Eine der vielen Krankheiten, die unser Gesundheitssystem dahinsiechen
lassen, ist die überzogene Inanspruchnahme ambulanter ärztlicher
Leistungen, auch Doctors hopping genannt. Führende Politiker
haben den hemmungslosen Missbrauch der Chipkarte als ressourcenverschlingende
Metastase der freien Arztwahl identifiziert. Aber erst dadurch
kann das System unsere Patienten in die Lage versetzen, ihren
persönlichen Doktor auszusuchen, der sie auf höchstem
Niveau umfassend und treu versorgt. Soll dieses hohe Gut wirklich
zugunsten der Kosteneffizienz eradiziert werden?
Ein mir noch unbekannter Patient schildert seinen Leidensweg:
Also, Ihr Kollege A., der ist ja überhaupt nicht sortiert,
bei dem da musste ich eine geschlagene Stunde warten, aber ich
sage Ihnen, nicht mit mir! Der hat mich zum letzten Mal gesehen!
Kollege A. ist mir als äußerst gewissenhaft und sorgfältig
arbeitender Kollege gut bekannt, der exzellente Anamnesen erhebt.
Diese sicherlich sehr lobenswerte Arbeitsweise kann sich schon
mal nachteilig auf die Wartezeiten auswirken . . . Und bei
Ihrem Kollegen B., da stimmt der Service schon mal gar nicht,
da kriegt man noch nicht mal Kaffee im Wartezimmer! Kollege
B. ist ein hervorragender Diagnostiker, der sich bei Sonographien
und Endoskopien ein bisschen mehr Zeit nimmt, um den Problemen
auf den Grund zu gehen. Wenn es sein muss, wühlt er in internationalen
Datenbanken, um seinen Patienten weiterzuhelfen. Da kann es schon
mal passieren, dass er darüber den Kaffee vergisst . . .
Ihr Kollege C. ist nicht mal in der Lage, kostenfreie Parkplätze
zur Verfügung zu stellen! Kollege C. genießt
meinen tiefsten Respekt, da er sich trotz wiederholter Regresse
immer noch Tag und Nacht für seine Schutzbefohlenen aufopfert
. . . Und Ihr Kollege D. meint, er dürfte das Herzecho
nicht mehr machen, weil er es nicht mehr abrechnen darf. Ja, ja,
aber wenn ihr das privat abrechnen tut, könnt ihr plötzlich
wieder alles! Kollege D. verfügt über profunde
Kenntnisse der Echokardiographie, ist aber hausärztlich niedergelassen
und kann daher die Farbdopplerechokardiographie nicht im Rahmen
der hausärztlichen Versorgung abrechnen. Mal ganz abgesehen
davon, dass sich moderne diagnostische Geräte über die
Entgelte der gesetzlichen Krankenversicherungen kaum noch finanzieren
lassen: Derartige Leistungen privat abzurechnen wäre eine
Schnellstraße zur sozialgerichtlichen . . . Nachdem
alle Ihre Kollegen versagt haben, ruht meine Hoffnung nun auf
Ihnen, Herr Blömeke!
Ich schicke den Patienten erst mal ins Wartezimmer und sage meinen
Arzthelferinnen, sie sollen ihn eine halbe Stunde warten lassen,
aber vorher den Kaffee wegräumen. Ich will bei den Kollegen
schließlich nicht in Verruf kommen, ich würde mich
nur noch um Parkplätze und Kaffee kümmern und wäre
an medizinischer Qualität nicht mehr interessiert.
Dr. med. Thomas Böhmeke ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.
Ärzteprotest: 
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