Praxis Dr. Lindner
Facharzt für Kinderheilkunde und Jugendmedizin in Berlin Lankwitz
Leonorenstraße 95 / 12247 Berlin Steglitz (Lankwitz Kirche) / Tel: 030 - 492 66 88


Impfaufklärung zu den von der Ständigen Impfkommission empfohlenen Impfungen (Stand: Mai 2011)

Grundimmunisierung:

IPV-Diphterie-Tetanus-Pertussis-Hib-Hepatitis B (6-fach-Kombinationsimpfstoff, Todimpfstoff)
empfohlen ab dem 3./4./5./12. Lebensmonat
- IPV (Kinderlähmung, Polio)
- Diphterie (eine lebensbedrohliche Halsentzündung)
- Tetanus (Wundstarrkrampf - durch verschmutzte Wunden)
- Pertussis (Keuchhusten)
- Hib (eine bakterielle Hirnhautentzündung)
- Hepatitis B (eine infektiöse Gelbsucht)
werden zusammen in einer Spritze gegeben. Es handelt sich nicht um lebende Erreger.
- Seltene Nebenwirkungen: Fieber, Erkältungserscheinungen, Durchfall und Erbrechen, Gewebswassereinlagerungen, Kopfschmerzen, Nervenbeschwerden.
Pneumokkken
Todimpfstoff, empfohlen als 4x-Gabe zusammen (simultan auf der andren Körperseite) mit dem obigen Impfstoff bis zum 24. Lebensmonat. Schützt vor Hirnhaut- und Lungenentzündungen

Masern - Mumps - Röteln-Varicellen (=Windpocken)
Empfohlen ab dem 12. Lebensmonat und danach frühestens 4 Wochen später zum 2. Mal.
Bei dieser Impfung handelt es sich um abgeschwächte lebende Erregern. Deshalb darf sie nicht durchgeführt werden bei Immunschwäche oder in der Schwangerschaft.
- Seltene Nebenwirkung: Abgeschlagenheit, Erkältungserscheinungen, Gelenkbeschwerden, Durchfall und Erbrechen, Hautausschlag (leichte Impfmasern).
Meningokokken
Todimpfstoff, einmalig ab dem 12. Lebensmonat, schützt vor einer Hirnhautentzündung und einer schwersten Syteminfektion.
Rotaviren -Schluckimpfstoff (Rotarix
®)
Totimpfstoff, ab der 6. Lebenswoche bis zum 6. Lebensmonat, 2 x im Mindestabstand von 4 Wochen (Wird von vielen Kasssen erstattet)

HPV-Impfung (Gardasil®) vorbeugend gegen „Gebärmutterhalskrebs" und Genitalwarzen.
Todimpfstoff für alle Mädchen ab dem 12. bis zum 18. Geburtstag, 3 Impfungen mit 0 - 2 - 6 Monaten , alles möglichst binnen 1 Jahr.
- Kombinations-Impfung, gleichzeitig nur mit Hepatitis B erlaubt, anderes ist nicht getestet und damit nicht zugelassen.
Seit Oktober 2007 gibt es einen weiteren HPV-Impfstoff (Cervarix®). Dieser wirkt nicht gegen Genitalwarzen, soll aber einen länger andauerenden Schutz gegen HPV ermöglichen. Impfschema hier: 0 - 1- 6 Monate.

Auffrischungen:

Masern - Mumps - Röteln-Varicellen-Impfung für alle Kinder, die noch keine 2 MMRV-Impfungen erhalten haben und für alle Erwachsenen, die noch nie oder nur einmal gegen Masern-Mumps -Röteln geimpft wurden und nach 1970 geboren sind (Stand: Mai 2011).
Tetanus/Diphterie/Keuchhusten
ab 6 Jahren.
Windpocken 2x für alle ungeimpften bis 18 Jahre, die noch nicht erkrankt waren.
Tetanus/Diphterie/Polio/Pertussis (=Keuchhusten) ab10 Jahren, danach einmalig auch für Erwachsene Tetanus/Diphterie/Pertussis/(Polio).
Tetanus/Diphterie alle 10 Jahre (auch Eltern + Großeltern!). Der Tetanus/Diphterie-Impfstoff führt häufig zu vorübergehenden Lokalreaktionen.
Polio (IPV) alle 10 Jahre nur für Erwachsenen mit erhöhtem Infektionsrisiko.

Bei Fieber sollen keine Impfungen durchführt werden. Leichte Infekte sind kein Impfhindernis.
Alle Impfstoffe werden gespritzt, damit entstehen immer folgende Risiken:
- Begleitverletzungen, Blutergüsse, lokale Entzündungen, vorübergehendes Fieber.
- Grundsätzlich kann es immer zu allergischen Reaktionen auf die Impfstoffe kommen. Gegenmaßnahmen sind jederzeit möglich.
Alle oben beschriebenen Nebenwirkungen sind selten.
Die Krankheiten, gegen die geimpft werden, sind häufig lebensbedrohlich.


Der Tagesspiegel (17.04.2007)
Impfmüde Deutsche / Zu wenig Schutz vor Mumps, Masern und Röteln

„Schluckimpfung ist süß, Kinderlähmung ist grausam“ – diesen Spruch bekamen die Eltern der jetzigen Elterngeneration noch erfolgreich eingetrichtert. Inzwischen, klagen Gesundheitsexperten, ist das Warnen schwieriger geworden. „Die Eltern sehen keine hinkenden Kinder mehr“, sagt Reinhardt Kurth, Präsident des Robert-Koch-Instituts (RKI). Ausgerechnet die Impferfolge beförderten Impfmüdigkeit, bestätigt Johannes Löwer vom Paul-Ehrlich-Institut, dem Bundesamt für Impfstoffe. Weil das mit vielen Krankheiten verbundene Leid nicht mehr erfahren werde, träten echte und vermeintliche Nebenwirkungen so in den Vordergrund.

Tatsächlich sind die Gefahren aber nicht gebannt und das Leid auch nicht. Pro Jahr sterben EU-weit 32 000 Kinder an Krankheiten, vor denen sie durch Impfungen hätten geschützt werden können. Darauf wies die Weltgesundheitsorganisation (WHO) zum Auftakt der Europäischen Impfwoche hin.

Eine Verbesserung der Impfraten sei „zwingend erforderlich“, sagte auch Klaus Theo Schröder, Staatssekretär im Gesundheitsministerium, am Montag bei der Vorstellung der Kampagne in Berlin. Jeder müsse sich darüber im Klaren sein, dass Impfschutz lebenswichtig sein könne. „Das Impfen zählt zu den wichtigsten und kostengünstigsten Maßnahmen der Medizin.“ Nur wenn alle mitmachten, sei es möglich, die Masern in Europa auszurotten.

Impfdefizite sieht das RKI in Deutschland vor allem bei den Auffrischungsimpfungen. Viele Jugendliche seien nicht gegen Tetanus und Diphtherie nachgeimpft. Die Durchimpfung gegen Keuchhusten sei „völlig ungenügend“. Auch bei der zweiten Masern-, Mumps- und Rötelnimpfung hapere es. Dabei handle es sich keineswegs um harmlose Kinderkrankheiten, so Kurth.

Besonders nachlässig ist man in den alten Bundesländern. Und am besten geimpft sind laut RKI Kinder aus Familien mit mittlerem sozialen Status. In unteren Schichten fehle es vor allem an Nachimpfungen, in oberen und speziell anthroposophischen Kreisen spare man sich vor allem die Impfung gegen Mumps, Masern und Röteln – zumeist aus Angst vor Nebenwirkungen. Die Argumente der Impfgegner seien aber unhaltbar, sagte Kurth, das Verhalten der Eltern oft verantwortungslos. Im Übrigen könnten sich ihre Kinder „nur so sicher in ihrer Altersgruppe bewegen, weil die meisten anderen geimpft sind“.

Große Defizite sieht Kurth in zwei Bereichen. Es sei „nicht einsehbar“, dass 7000 bis 14 000 Menschen pro Jahr an Influenza sterben. Mit Impfungen erreiche man hier selbst in Risikogruppen nur 50 Prozent. Beunruhigend seien aber auch die Infektionen, die sich viele in Kliniken zuzögen. Auf 400 000 bis 800 000 pro Jahr werden sie geschätzt, bis zu 40 000 Menschen sterben daran. Viel zu viele, meint Kurth. Rainer Woratschka


Der Tagesspiegel vom 15.01.2006
Schluckimpfung gegen Durchfall Dr. Wewetzer fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin. Heute: Wie man Rotaviren zu Leibe rückt

Alle Welt redet von der Vogelgrippe. Aber es gibt andere Krankheitserreger, die viel mehr Todesopfer fordern. Schwere Magen-Darm-Entzündungen mit Erbrechen und Durchfall durch Rotaviren kosten jeden Tag etwa 2000 Kinder das Leben. Betroffen sind vor allem Menschen in Entwicklungsländern, in denen schlechte Ernährung, mangelnde Hygiene und unzureichende medizinische Versorgung die Überlebenschancen schmälern. Doch nun erscheint ein Hoffnungsschimmer am Horizont: zwei Impfstoffe gegen Rotaviren haben sich in großen Tests mit jeweils mehr als 60 000 Kindern als gut verträglich und wirksam erwiesen.

Praktisch alle Kinder haben sich bis zum fünften Lebensjahr mindestens einmal mit Rotaviren angesteckt. Die Erreger vermehren sich in der Schleimhaut des Dünndarms. Sie sind radförmig, und mit etwas Phantasie kann man in elektronenmikroskopischen Aufnahmen sogar Radspeichen erkennen. In der Außenwelt sind Rotaviren ziemlich zäh, sie werden über Wasser, Lebensmittel und Kontakt zu Infizierten übertragen. Zehn Viren genügen, um krank zu werden! Ein Gramm Stuhl eines Durchfallkranken enthält 100 Milliarden Erreger.

„Die Ergebnisse sind sehr vielversprechend“, sagt Samuel Katz, Kinderarzt an der Duke-Universität, über die Impfstoff-Studien, die im Fachblatt „New England Journal of Medicine“ veröffentlicht wurden. Beide Impfstoffe enthalten „lebende“, aber abgeschwächte Krankheitserreger. „Rotarix“ von der Firma GSK wurde in Lateinamerika erprobt und verhinderte zu 85 Prozent schweren Durchfall; „Rotateq“ von Merck testeten die Ärzte in Finnland und den USA, es schützte sogar zu 98 Prozent – allerdings waren die Kinder in diesen Ländern vermutlich gesünder, das Durchfallrisiko deshalb geringer.

Vor acht Jahren war schon einmal eine Schluckimpfung gegen Rotaviren in den USA auf den Markt gekommen, musste aber ein Jahr später wegen eines möglicherweise erhöhten Risikos von Darmeinstülpungen wieder vom Markt genommen werden. Die neuen Impfstoffe scheinen diese Gefahr nicht zu erhöhen. Ob sie sich am Ende wirklich bewähren, wird sich erst zeigen, wenn noch viel mehr Kinder geimpft wurden. Falls sich der positive Trend bestätigt, wird die Schluckimpfung Tausenden von Kindern das Leben retten können.

In unseren Breiten verlaufen Rotavirus-Erkrankungen meist harmlos, nach drei Tagen hat der zweijährige Knirps alles überstanden. Todesfälle sind sehr selten. Allerdings stellten die Forscher fest, dass die Impfung die Zahl der Krankenhauseinweisungen wegen Durchfalls halbieren kann. Aus Kostengründen könnte man sie also auch hierzulande in Erwägung ziehen, doch ist das im Moment nicht ernsthaft in der Diskussion. Es bleibt also statt beim Vorbeugen fürs erste beim Behandeln, und das besteht bei Durchfall vor allem darin, die verloren gegangene Flüssigkeit zu ersetzen. Dabei sollte man nicht zögern, bei schweren Symptomen zum Arzt zu gehen, denn mitunter ist eine Infusion nötig.


Der Tagesspiegel vom 2.11.2004
Zu wenig Impfungen: Ärzte schlagen Alarm
Viele Kinderkrankheiten kehren zurück – aber viele Eltern verzichten darauf, ihre Kinder schützen zu lassen von Ingo Bach

Röteln, Mumps, Masern oder Keuchhusten – Kinderärzte warnen vor neuen Epidemien von Krankheiten, weil zu wenig Kinder geimpft werden. Die Bereitschaft von Eltern, ihre Sprösslinge schützen zu lassen, sei zu gering, sagte Wolfram Hartmann, Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte. Er fordert, wie berichtet, eine Impfpflicht für Kinder, die in eine Kindertagesstätte oder in eine Schule kommen sollen.

Auch in Berlin sind Mediziner besorgt. Experten stellen vor allem in der sozialen Oberschicht West-Berlins, also Einwohnern mit überdurchschnittlich guter Bildung und überdurchschnittlichem Einkommen, einen verbreiteten Unwillen fest, Kinder gegen die vermeintlich harmlosen Kinderkrankheiten Mumps, Masern und Röteln zu immunisieren. Anders sei das bei Diphterie, Tetanus und Kinderlähmung, die offenbar als gefährlich wahrgenommen würden. Mehr als 95 Prozent der Berliner seien gegen diese Krankheiten geimpft, im Vergleich zum Bundesdurchschnitt sei das „sehr gut“, sagt Dietrich Delekat, Facharzt für Kinderheilkunde in der Senatsgesundheitsverwaltung. „Aber rund 20 Prozent der Oberschicht-Eltern in West-Berlin lassen ihre Kinder nicht gegen Röteln schützen, das ist mehr als doppelt so viel als in der dortigen Mittel- und Unterschicht.“

Gerade in anthroposophischen Kreisen glaubt man, dass Kinder die harmlosen Kinderkrankheiten durchmachen sollten, um die Psyche und das Immunsystem zu stärken. Kinderärzte nennen diese Ansicht einen gefährlichen Unfug. „Das Risiko von Nebenwirkungen einer Impfung – zum Beispiel Rötungen, Schwellungen oder Fieber – ist auf jeden Fall geringer, als die möglichen Gefahren einer Nichtimpfung“, sagt der Schöneberger Kinderarzt Wolfram Singendonk. Masern zum Beispiel. Brechen diese aus, wird das Immunsystem des Kindes über vier bis sechs Wochen stark geschwächt. Die Folge: Der Organismus wird anfällig für schwere bakterielle Infekte, zum Beispiel eine Hirnentzündung. „Kommt die Krankheit ab dem 12. Lebensjahr zum Ausbruch, dann steigt das Risko einer Hirnentzündung bis auf das Zehnfache“, sagt der Berliner Impfexperte Burghard Stück. Oder Röteln: Treten sie bei Erwachsenen auf, bestehe die Gefahr von Gelenkerkrankungen. Und Frauen riskieren bei einem Ausbruch während der Schwangerschaft, ein blindes oder hörgeschädigtes Kind zur Welt zu bringen.

Bestätigung verspürten Impfskeptiker kürzlich durch Nachrichten über vier unklare Todesfälle von Kleinkindern in den Jahren 2000 bis 2003 nach so genannten Sechsfach-Impfungen, die Kinder gegen sechs Krankheiten auf einmal immunisieren. Im Rahmen einer Studie zu den Ursachen des plötzlichen Kindstods, die das Robert-Koch-Institut für Januar 2005 vorbereitet, soll auch dieser mögliche Zusammenhang geprüft werden.

Einen Impfzwang lehnen die befragten Kinderärzte ab. Sie setzen stattdessen auf Aufklärung. Und schließlich: „Viele der Eltern, die ihren Sprössling als Kleinkind nicht impfen lassen, holen das umstandslos dann nach, wenn er an eine amerikanische Elite-Schule wechseln will“, sagt Experte Stück. Denn an vielen US-Schulen gelte: Keine Impfung, keine Aufnahme.


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